In seiner Funktionalität auf die Lehre in gestalterischen Studiengängen zugeschnitten... Schnittstelle für die moderne Lehre


In seiner Funktionalität auf die Lehre in gestalterischen Studiengängen zugeschnitten... Schnittstelle für die moderne Lehre
Im Kurs „Future Days“ setzten wir uns intensiv mit dem Thema Klimakommunikation auseinander. Wir fragten uns, was in der Kommunikation schief läuft und warum sie uns so oft nicht (mehr) erreicht. Anschließend versuchten wir mit Hilfe des Wimmelbilds eine neue (oder andere) Form der Kommunikation zu finden, um Menschen zu erreichen und zum Handeln zu motivieren.
Odds and Ends, 1939
Logged-over Hillside, ca. 1940
Emily Carr war eine kanadische Malerin, die von 1871-1945 lebte. Sie hatte enge Verbindungen zu verschiedenen indigenen Stämmen im Land, die immer wieder ihre Kunst beeinflussten. Viele ihrer Bilder zeigen indigene Motive (z.B. Totempfähle) und die Natur, für die Kanada bekannt ist. In ihren späteren Werken spiegelt sich jedoch zunehmend auch ihre Auseinandersetzung mit dem Umgang der Menschen mit der Natur wieder.
Das Bild „Odds and Ends“ zeigt die Auswirkungen der Abholzung der Urwälder, die bereits in den 1860ern begann und stetig zunahm. Die Folgen für die indigene Bevölkerung beschäftigten sie genauso wie die Gefährdung der Wälder an sich und das Leid, das damit der Natur angetan wird.
An den Werken berühren mich mehrere Aspekte. Zum einen berührt mich, wie lange die Zerstörung und die Sorge um die Natur bereits andauert. Ich sehe viel aktuelles zum Klimawandel, doch Perspektiven aus anderen Zeiten sehe ich selten. Es bewegt mich sehr, wie lange wir diesen Planten bereits strapazieren und wie es trotz der Sorge nur schlimmer wird. Besonders berührend finde ich die Tatsache, dass die indigenen Stämme vermutlich am längsten wissen, wie schlecht wir mit unserem Planeten umgehen. Auch wenn Emily Carr selbst keine Indigene war, zeugen ihre Bilder doch von der Nähe, die sie zu einigen Stämmen hatte. Insbesondere mit dem Wissen darüber, wie Nah die Indigenen Völker der Natur sind, berührt mich die Nebeneinanderstellung der beiden Bilder. Zu sehen, wie die Natur immer weiter verschandelt wird, eine Natur, die ich selbst kennengelernt habe, die im Gegensatz zu den deutschen Wäldern wirklich alt und wild ist, berührt mich zu tiefst.
Zitat von Emily Carr über das Leid der Bäume:
„These subjects are stumps and pines and space. They are difficult to express, but my feeling is if one can see the thing clearly enough the expression will follow. The thing is to be able to apprehend things, to know what we are trying to get at, to know what we see. So many of us open our flesh eyes but shut the eyes of the soul. There’s a torn and splintered ridge across the stumps I call the “screamers.” These are the unsawn last bits, the cry of the tree’s heart, wrenching and tearing apart just before she gives that sway and the dreadful groan of falling, that dreadful pause while her executioners step back with their saws and axes resting and watch. It’s a horrible sight to see a tree felled, even now, though the stumps are grey and rotting. As you pass among them you see their screamers sticking up out of their own tombstones, as it were. They are their own tombstones and their own mourners.“
In unterschiedlichen Seminaren (u.a. auch an der Uni-Potsdam im Kurs von Birgit Schneider) erhielten wir verschiedene Theorie-Inputs zum Thema Klimakommunikation und Wimmelbild.
Ziel: Aufruf zum Handeln durch Wissensvermittlung mit Hilfe sachlicher Darstellungen von Fakten und Daten
Mittel: Diagramme, Infografiken, Berichte, sachliche Infotexte, etc.
Problem: häufig zu hohe Abstraktion (Menschen können mit Zahlen zu wenig anfangen), fehlende emotionale Komponente, fehlender persönlicher Bezug
Ziel: durch starke Emotionalisierung und Schockieren zur Handlung motivieren bzw. Zwingen
Mittel: Dystopische Szenarien, z.B. Extremwetter, Kipppunkte, „Alles-ist-verloren“-Szenarien
Problem: Überforderung und Ohnmacht. Es entsteht das Gefühl, es sei sowieso alles zu spät oder man selbst hat kaum einen Hebel, warum dann überhaupt etwas tun?
Ziel: Durch Lösungsvorschläge für die Probleme zum Handeln motivieren und Hoffnung geben
Mittel: positive Szenarien (Innovation, Wandel, Zusammenhalt; angepasste Städte, erneuerbare Energien, etc.); Möglichkeiten aufzeigen, bewusster Gegenpol zu dystopischen Szenarien, Vermittlung von Selbstwirksamkeit
Problem: kann unrealistisch oder zu perfekt wirken und wird dadurch unglaubhaft; kann bereits geplant wirken, sodass das Gefühl des Handlungsbedarfs verloren geht
Ziel: Durch das Aufzeigen des moralischen Konflikts zum Handeln aufrufen. Der Klimawandel wird hier als ethisches Problem zwischen Generationen gesehen. Es wird Gerechtigkeit für jüngere Generationen eingefordert und an tiefgreifende Werte angeknüpft.
Mittel: Symboliken, Metaphern, Kontraste, normative Aussagen
Problem: Menschen haben unterschiedliche moralische Perspektiven, es können Konflikte zwischen unterschiedlichen Einstellungen entstehen
Ziel: die ökonomischen Nachteile des Klimawandels bzw. Des Nichts-Tuns und die finanziellen Chancen aufzeigen und so zum Handeln motivieren
Bei dieser Haltung wird der Klimawandel hinterfragt und die Verantwortung weggeschoben, weil es einfacher und billiger ist, sich jetzt nicht damit zu beschäftigen. Probleme werden hier wegignoriert und verdrängt.
Problem: keine Veränderung, die eigentlich dringend nötig wäre; Probleme werden immer größer und auf andere Generationen abgewälzt; der Klimawandel wird geleugnet
Ziel: Zum Handeln motivieren, indem das Thema mit Hilfe von Geschichten spürbar gemacht wird und die Empathie angesprochen wird
Mittel: konkrete Geschichten; Figuren, mit denen man sich identifizieren kann, Nahbarkeit; z.B. Wimmelbilder
Bei den „Five D's“ handelt es sich um eine Theorie, die sich damit auseinandersetzt, weshalb es uns so schwer fällt, etwas gegen den Klimawandel zu unternehmen. Stoknes nennt sie die „Five Psychological Barriers to Climate Action“.
1. Distance - durch räumliche und/oder zeitliche Entfernung der Klimafolgen, ist es leicht, sich nicht vom Klimawandel betroffen zu fühlen. Da der Alltag von vielen noch nicht stark betroffen ist, fühlt es sich an, als wäre der Klimawandel weit weg.
2. Doom - der Klimawandel wird als unausweichliche Katastrophe geframed, der nur mit großen Opfern und Verlusten begegnet werden. Es fehlen Erzählungen von Lösungen und Hoffnung und ein Ohnmachtsgefühl setzt ein. Gleichzeitig haben wir so oft von der Katastrophe gehört, dass sie uns nicht mehr berührt. Wir vermeiden und stumpfen gleichzeitig ab.
3. Dissonance - Was wir wissen, steht in direktem Konflikt mit dem, was wir tun. Es entsteht eine Dissonanz, mit der leichter umzugehen ist, wenn das Wissen heruntergespielt oder geleugnet wird.
4. Denial - Vermeidung oder Leugnen des Problems, um sich vor Angst oder schlechtem Gewissen zu schützen. Z.T. aktive Abwehr oder Kritik derer, die sich für ein besseres Klima und einen klimafreundlicheren Lebensstil einsetzen.
5. iDentity - Informationen werden durch die Brille unserer professionellen und kulturellen Identität aufgenommen und bewertet. Informationen, die von gleichgesinnten verbreitet werden, werden besser aufgenommen. Informationen, die eine Veränderung der Identität verlangen, widerstehen wir eher. Die kulturelle Identität ist oft stärker als die Fakten.
Ebstorfer Weltkarte, „Mappae Mundi“; um 1300
Das wohl älteste Wimmelbild und die erste, bekannte Weltkarte. Besonders spannend finde ich an dieser Darstellung die vielen Textabschnitte, die über all zu finden sind. Außerdem fällt bei näherer Betrachtung aus, dass die Häuser in unterschiedliche Richtungen zeigen. Ohne den Text wäre die Karte also von allen Seiten lesbar.
Hieronymus Bosch „Der Garten der Lüste“; um 1500
Das Bild zeigt links den Garten Eden, in der Mitte den Garten der Lüste und rechts die Hölle. Dieses Bild war für uns interessant, weil es quasi Utopie und Dystopie vereint. Mir hat es gezeigt, dass beide Haltungen keineswegs getrennt sein müssen, sondern sich gegenseitig in ihren Wirkungen steigern können, wenn man sie nebeneinander legt.
Pieter Bruegel d. Ä. „Der Kampf zwischen Karneval und Fasten„; 1559
Ein gutes Beispiel für die Fülle und das Detailreichtum eines Bildes. Mich beeindruckt vor allen Dingen die Menge der Figuren und dass trotz der großen Anzahl jede Figur eine eigene Handlung hat.
Ali Mitgutsch „Rundherum in meiner Stadt“ (1968) und Rotraut Susanne Berner „Herbst-Wimmelbuch“ (2005)
Ali Mitgutsch gilt als der Erfinder des Wimmelbildes wie wir es kennen. Typisch für ihn sind die vielfältigen, alltäglichen und lustigen Handlungen in den Bildern. Ebenso prägend für meine eigene Kindheit waren die Jahreszeitenbücher von Rotraut Susanne Berner. Hier konnte man einzelne Figuren über verschiedene Seiten und Bücher verfolgen und so nach und nach die Geschichte zusammensetzen und weiterdenken. Diese Form des Storytellings finde ich auch für unsere Wimmelbilder sehr inspirierend. Typisch sind außerdem die aufgeschnittenen Häuser.
In diesem Workshop zeigte Yette uns verschiedene Methoden zum Brainstorming. Das Wichtigste: viele Ideen in kurzer Zeit produzieren ganz ohne Bewertung. Das Gehirn muss erst einmal in Schwung kommen, auswählen kann man später noch. Doch so kommt man mitunter zu Ideen, an die man sonst nie gedacht hätte. Mir haben die Übungen vor allen Dingen wieder einmal gezeigt, wie wertvoll es ist, nicht nur alleine über seinen Projekten zu brüten. Gemeinsam kamen wir auf die vielfältigsten Ideen und es entstanden völlig neue Denkanstöße.
Ziel dieser Übung, war es, dass wir uns lockerten und in kurzer Zeit viele, möglichst vielfältige Skizzen zu erstellen, ohne aber Körperhaltungen oder Handlungen der Figuren zu zerdenken. Wir hatten pro Skizze ein Lied Zeit und im Hintergrund liefen in schnellen Abständen Bilder zur Inspiration, aus denen wir uns spontan Ideen heraus picken konnten.
Nach der Zwischenpräsentation ging ich unzufrieden nach Hause. Etwas stimmte nicht. Mein bisheriges Konzept erreichte mich nicht und verfehlte damit jetzt schon das Ziel. Dabei war mein Ziel eigentlich simpel: Ich wollte ein Bild zeichnen, das Hoffnung gibt.
Nach einigem Kopfzerbrechen und Verzweiflung verstand ich langsam, wo das Problem lag. Ich spüre eine stärkere Distance zum Thema Klimawandel, als mir bewusst war. Das Thema an sich reichte nicht, um mich so zu begeistern, dass ich Lust hatte, ein ganzes Wimmelbild dazu zu malen. Das überraschte mich. Ich brauchte also etwas anderes, wodurch ich meinen persönlichen Bezug zum Bild herstellen konnte.
Nach und nach kristallisierte sich für mich heraus, dass es mir wichtig ist, dass das Bild etwas Vertrautes hat. Ich wollte nicht die nächste futuristische Stadt mit viel zu hohen Gebäuden zeichnen. Und auch nicht die Dystopie, die sowie so in unseren Köpfen lebt. Also nahm ich das, was mir selbst vertraut ist: Die Kleinstadt, in der meine Großeltern leben - Lüchow im Wendland (Niedersachsen). Eine Kleinstadt mit Fachwerkhäusern, einem Turm, großem Park und Fluss in einer Gegend der Freigeister, Künstler und des Umweltschutzes. Endlich war der Knoten geplatzt. Hier konnte ich mir einen optimistischen Blick in die Zukunft vorstellen.
Endlich hatte ich nun auch einen Fokus für mein Bild, nämlich die Frage, wie wir eine Zukunft in unseren alten, zum Teil denkmalgeschützten Städten gestalten können.
Entwicklung der Stadtansicht über Isometrie mit Karte als Grundlage hin zu einer freien, verspielten Darstellung
Experimente mit dem Stil — wie schaffe ich es, meinen analogen Stil ins Digitale zu bringen? Mal war es mir zu technisch, mal zu kitschig. Am Ende entstand das Bild in einer einzigen Datei mit 11 Ebenen. Technisch und stilistisch war das Wimmelbild also eine Herausforderung
War es eine gute Idee, im zweiten Semester diesen Hauptstudiumskurs zu wählen? Während der Arbeit zweifelte ich ständig daran. Nun bin ich froh, dass ich mich getraut habe und dran geblieben bin, denn ich habe wirklich extrem viel gelernt und würde sagen, ich bin ein gutes Stück über mich hinausgewachsen.
Natürlich hätte ich das Bild gerne noch viel voller gemacht und viel mehr Geschichten darin versteckt. Das war am Ende zeitlich leider nicht mehr drin und ich bin froh, dass ich überhaupt noch an diesen Punkt gekommen bin, an dem ich zufrieden mit dem Ergebnis bin. Hier nehme ich aber mit (u.a. auch aus Yettes Workshops), dass ich schneller ins Tun kommen muss, um die Blockade zu überwinden. Und vielleicht werde ich irgendwann auch nochmal weiter an dem Bild malen... :)
Ich denke, die wichtigste und vielleicht schönste Erkenntnis war aber, dass ich mir selbst vertrauen darf. Zu Beginn des Kurses hatte ich das Gefühl, dass ich mir mehr positive Bilder wünsche, die uns zeigen, wofür es sich zu kämpfen lohnt, dass wir Hoffnung brauchen, um wieder die Kraft aufbringen zu können, etwas zu verändern. Gleichzeitig hatte ich keine Lust mehr auf Bilder von Städten, die wir so nicht kennen, weil sie irgendwie zu futuristisch sind. Umso glücklicher (und ehrlich gesagt ziemlich überrascht) war ich, dass mein Bild bei den grünen Punkten auf der Werkschau gut abgeschnitten hat, damit hatte ich echt nicht gerechnet. Nachdem ich im Prozess doch viel gezweifelt habe und oft von den vielen anderen tollen Bildern verunsichert war, war das ein Ergebnis, aus dem ich ehrlich gesagt sogar ziemlich viel Kraft für das neue Semester ziehen kann. Diese optimistische Haltung von Hoffnung und Handlungswille ist etwas, das ich mir für zukünftige Projekte bewahren möchte. Ich habe gemerkt, dass ich daraus sehr viel Sinn ziehen kann, was wirklich eine schöne Erkenntnis ist.
Am Ende kann ich eigentlich nur sagen, dass ich stolz auf das Ergebnis und dankbar für den Kurs bin. Ich finde, wir hatten echt eine besondere Atmosphäre mit viel gegenseitiger Unterstützung in dem Kurs. Danke Lisa und Yette für eure Begleitung und eure Inputs!